Kegelklub Düren

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Aktiv gegen Sexismus – nicht nur im Netz

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Am Sonntag flatterten diverse Tweets durch meine Timeline, die auf ein aktuelles Interview mit Bundespräsident Gauck verwiesen, das er dem SPIEGEL gegeben hatte. In diesem Interview tat Gauck die aktuelle Sexismus-Debatte als „Tugendfuror“ ab. Die Thematisierung eines strukturellen Problems wurde von ihm wieder auf den Einzelfall Brüderle reduziert; von Fragen der Geschlechtergerechtigkeit distanzierte er sich, indem er sie als „Frauenfrage“ bezeichnete. “Eine besonders gravierende, flächendeckende Fehlhaltung von Männern gegenüber Frauen kann ich hierzulande nicht erkennen”, war Gaucks Kernaussage im Bezug auf die Debatte.

Mich, die ich schon bei #aufschrei von Anfang an dabei war, machten diese Aussagen wütend und traurig. Dass ein privilegierter Mann wie Gauck die Erfahrung tausender betroffener Frauen öffentlich als übertrieben beschreibt, ist symptomatisch für die Debatte. Diejenigen, die gesellschaftliche Missstände benennen, tun dies mit gutem Recht und sind nicht das Problem selbst. Gauck wünscht sich Engagement und zerredet im gleichen Atemzug eine Bewegung, die sich direkt vor seinen Augen formiert.

Mit meinem Entsetzen über das Interview war ich nicht alleine. Auf meinen Tweet hin, dass ich Gauck gerne einen offenen Brief schreiben würde, meldeten sich sogleich ein paar Mitstreiterinnen. Den ganzen Sonntag verbrachten wir mit dem Verfassen des Briefs und einer dazugehörigen Pressemitteilung. Wir legten uns einen Ablaufplan zurecht und stellten dem Bundespräsidenten eine Auswahl exemplarischer Geschichten von Twitter und alltagssexismus.de zusammen.

Am Montag übergab eine Mitverfasserin den Brief persönlich an der Pforte des Bundespräsidialamtes und zur Sicherheit schickten wir ihn auch noch einmal per E-Mail an die Pressestelle des Präsidenten. Wir wollten ihm die Gelegenheit geben, zu reagieren und seine Aussagen richtig zu stellen. Deswegen schickten wir die PM und den Brief erst einen Tag später an die Presse. Mittwochs um 11 Uhr sollte der Brief auf http://alltagssexismus.de/gauck online gehen, damit auch Andere ihn unterzeichnen könnten. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es eine Sperrfrist für die Presse.

Bereits am Dienstag rief mich die erste Journalistin an und wollte ein paar Statements von mir hören. Zumindest würde unsere Aktion nicht ganz unbemerkt versanden, war unsere Hoffnung. Kurz vor Ablauf der Frist gab es dann die zweite Nachfrage der Presse. Um es kurz zu machen: Schon 36 Stunden nach Veröffentlichung des Briefs konnten wir die 2000. Unterstützungsunterschrift freischalten. Fast 30 Zeitungsartikel sowie Radiobeiträge, Blogposts und Fernsehinterviews sind entstanden und es gibt schon weitere Anfragen. Den Brief gibt es mittlerweile auch auf Englisch zu lesen – die Übersetzung wurde von ein paar Twitter_innen in einem Pad organisiert.

Viele Tweets und Kommentare unter dem Brief machen die Bedeutung der Debatte deutlich. Die Unterschriften zeigen, dass zahlreiche Menschen – darunter ungeheuer viele Männer – nicht einverstanden sind mit der Art und Weise, in der Gauck sich zu Sexismus geäußert hat. Themen wie Sexismus und sexualisierte Gewalt können nicht mehr so einfach unsichtbar gemacht werden. Machtstrukturen, die sexuelle Übergriffe und Sexismus begünstigen, müssen brüchig werden. Die Studie “Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen” im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) zeigt, dass 58 Prozent aller befragten Frauen bereits Situationen sexueller Belästigung erlebt haben.

Auch wer sich bisher nicht mit feministischen Themen beschäftigt hat, kann den heutigen 102. Internationalen Frauentag vielleicht als Ausgangspunkt nehmen, sich näher mit dieser Thematik zu beschäftigen. Als Piratenpartei wollen wir, dass alle Menschen sich frei bewegen und äußern können. #Aufschrei war der Stein des Anstoßes dafür, dass vor allem Frauen nun das vielfach lebenslange Schweigen gebrochen haben und den Mut fanden, über ihre erniedrigenden und traumatischen Erfahrungen zu sprechen.

Die Piratenpartei setzt sich weltweit für Menschenrechte ein – und Frauenrechte sind Menschenrechte. Uns muss es ein Anliegen sein, dass die geschilderten Erlebnisse nicht relativiert, bagatellisiert (und) oder abschätzig betrachtet werden. Als von einer Ungerechtigkeit nicht betroffene Person behauptet es sich immer leicht, dass ein Problem nicht existiert, aber das zeugt dann eben auch von einer sehr beschränkten Sicht auf die Welt. Statt die Debatte und die damit verbundenen Geschichten in dieser Weise abzuschmettern, wäre es besser, den Betroffenen zuzuhören, dafür Räume zu schaffen und sich solidarisch zu zeigen – online wie offline.

Anmerkung:
[1] Das vollständige Interview mit Joachim Gauck gibt es nur als E-Paper und in der gedruckten Ausgabe, Auszüge finden sich aber hier: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/sexismus-debatte-gauck-beklagt-tugendfuror-im-fall-bruederle-a-886578.html

Written by FP

8. März 2013 at 14:49

Veröffentlicht in Feminismus, Gewalt, Piraten

Weihnachtstreffen 2012 in Brühl

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Kegelklub Silvestertorte

Vor ein paar Wochen wurden wir als Kegelklub Düren von @Wirkungstreffer und @sconductor angesprochen, ob wir nicht Lust auf eine Kegelklub-Weihnachtsfeier hätten. Die beiden organisierten eine Vortragende zum Thema Gender Theory und die Räumlichkeiten, wir bemühten uns, das Treffen bekannt zu machen.

Am 20. Dezember  versammelten sich ca. 25 Interessierte in Brühl. Neben spannenden  Gesprächen, Vernetzung und Austausch stand der Vortrag von Prof. Dr. Sabine Sielke von der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn im Mittelpunkt. Frau Sielke gab uns einen kurzen Rückblick auf Women’s Studies und Entstehung der Gender Theory. Wir möchten an dieser Stelle keine Zusammenfassung des Vortrags liefern, sondern einzelne Punkte beleuchten.

Die englischen Begriffe „sex“ und „gender“ werden im Deutschen beide mit „Geschlecht“ übersetzt, obwohl sie nicht die gleiche Bedeutung haben. Aus diesem Grund wird im Deutschen zusätzlich der Begriff „Gender“ verwendet.
Sex bezeichnet das biologische Geschlecht. Gender hingegen ist ein kulturelles Gebilde aus Normen/Vorstellungen einer Gesellschaft. Gender wird auch das sozial konstruierte Geschlecht genannt.

Bei der Beschäftigung mit Feminismus ist wichtig zu verstehen, dass politische Bewegungen immer fließende Prozesse sind und keinen Status Quo bezeichnen. Folglich ist eine Bewegung niemals an „ihrem Ziel“ angekommen, sondern muss bei jeder neuen politischen Entscheidung auf die Umsetzung ihrer Ideale achten. Insbesondere der Feminismus  leidet unter einer ständigen „Amnesie“ der Gesellschaft und unterliegt sozioökonomischen Schwankungen. Feministische Werte müssen regelmäßig von Grund auf neu erklärt werden und stoßen auf immer gleiche Abneigungen, obwohl die Gegenargumente häufig schon seit Jahrzehnten wissenschaftlich widerlegt sind.

Viele Menschen fehlt ein generelles Problembewusstsein für die Ziele des Feminismus. Oftmals wachsen Menschen in ihren eigenen Filterbubbles auf oder haben aufgrund ihres Geschlechts oder Charakters nicht mit den gleichen Problemen zu kämpfen. Sie leiten daraus ab, dass diese Probleme nicht existieren oder von einer kleinen Minderheit übertrieben dargestellt werden. Gerne wird auch auf eine einzelne Frau verwiesen, die diese Probleme nicht habe, „obwohl sie ja auch eine Frau ist“ (interessanter Blogeintrag dazu von KhaosKobold).

Der Feminismus beinhaltet viele Strömungen, die aufeinander aufbauen oder sich widersprechen können. In den meisten Definitionen wird die Gleichstellung von Mann und Frau als zentrales Ziel genannt. Heutzutage ist meistens die Rede von Postfeminismus und dekonstruktivistischem Feminismus. Die Binarität der Geschlechter wird generell in Frage gestellt, somit setzen diese Feminist_innen sich in der Regel für die Gleichstellung aller Geschlechter ein. Genaueres hierzu ist in unserem Glossar zu finden.

Viele Menschen denken, Feminismus sei nicht mehr notwendig, da Frauen und Männer laut Grundgesetz gleichberechtigt sind. Die im Grundgesetz verankerte  Gleichberechtigung sagt aber nur aus, dass beide Geschlechter vor dem Gesetz  die gleichen Rechte haben. Leider haben deswegen trotzdem nicht alle Geschlechter die gleichen Chancen und die gleiche gesellschaftliche  Anerkennung. Zudem hat der Staat sich verpflichtet, aktiv die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung  von Frauen und Männern zu fördern und bestehende Nachteile zu beseitigen (Art.3(2) GG). Dies sind die Ziele der Gleichstellung der Geschlechter.

Bei der Erklärung von Geschlechterunterschieden wird alternativ gerne der naturwissenschaftliche Determinismus bemüht. Nicht genauer benannte Gene oder Hormone dienen als Argumentationsmodell für biologische Geschlechterunterschiede, während der kulturelle Gendereinfluss bestritten wird. Hierbei ist keinesfalls (für beide Seiten) belegt, welchen Einfluss welche biologischen Faktoren auf den Menschen haben. Weiterhin sind auch Biologie und Medizin selbst keine objektiven Wahrheiten, sondern im hohen Maße kulturell und historisch bedingt. Das Verständnis der biologischen Geschlechter unterliegt wie alle Kulturbegriffe einem stetigen wissenschaftlichen Prozess (beispielsweise die teils konkurierenden Geschlechtermodelle in Antike, Mittelalter und früher Neuzeit).

Der Vortrag zeigte, dass die Gender Studies ein komplexes Gebiet sind, welches sich Außenstehenden häufig nicht sofort erschließt. Sie haben Schnittpunkte mit vielen anderen Themengebieten und betrachten die Grundfragen nach biologischen oder kulturellen Einflüssen ergebnisoffen. Das Treffen verdeutlichte uns, dass immer noch viele Missverständnisse und teilweise Definitionsunstimmigkeiten existieren, die eine sachliche Debatte über Genderpolitik unnötig belasten. Aus diesem Grunde haben wir uns vorgenommen, auch in Zukunft solche Vortragsabende zu gestalten.

Abschließend möchten wir uns noch einmal bei @Wirkungstreffer und @Sconductor für die organisatorische Unterstützung und insbesondere bei Prof. Dr. Sabine Sielke für den interessanten Vortrag bedanken.

Written by Kegelklub Düren

10. Januar 2013 at 11:36

Veröffentlicht in Feminismus, Kegelklub, Veranstaltung